Balladen-Projekt

 

Das Projekt Die skandinavische Ballade im Kontext hoch- und spätmittelalterlicher Frömmigkeitsmedien wird von der DFG gefördert. Die Laufzeit ist von Oktober 2014 bis September 2017.

 

 Staffan vattnar hästarna Dädesjö 1275-1300

 

Leitung:

Prof. Dr. Klaus Böldl 

 

Mitarbeiterin

Katharina Preißler M. A.

 

Studentische Hilfskraft

Tabea Grenzow B. A.

 

 

 

 

 

Zum Projekt

Von allen Balladenlandschaften Europas ist Skandinavien einschließlich Islands und der Färöer die reichste: Mehr als 900 Balladen in etwa 20 000 Varianten sind in den nordischen Sprachen überliefert. Viele dieser Varianten sind erst im 19. oder 20. Jahrhundert aufgezeichnet worden, während wir aus dem Mittelalter nur einige Fragmente und eine Reihe indirekter Belege wie etwa Balladenmotive in Kirchenmalereien besitzen. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei der folkevise, wie man diese erzählenden Lieder v. a. in Dänemark auch nennt, um eine genuin mittelalterliche Gattung handelt, die sich nach Auffassung der meisten Forscher spätestens im 14. Jahrhundert über den Norden verbreitet hat. Umstritten und wahrscheinlich nie endgültig zu klären ist indessen die Frage, ob Dänemark oder Norwegen als Entstehungsland zu gelten hat. In jedem Fall führt uns die nordische Ballade in eine höfisch-feudale Welt, und auch die Frömmigkeit, die in ihr zum Tragen kommt, ist in ihrer katholischen Prägung deutlich mittelalterlicher Provenienz.

Diese spezifische Frömmigkeit, die wir nicht nur in den Heiligenballaden, sondern auch in einer Reihe von Ritter- und naturmythologischen Balladen beobachten, steht im Mittelpunkt des intermedial ausgerichteten Projekts. Welche Elemente spätmittelalterlicher Religiosität können wir diesen Überlieferungen entnehmen, welche literarischen und ikonographischen Kontexte lassen sich erschließen, wo mögen diese Lieder im Mittelalter ihren ‚Sitz im Leben‘ gehabt haben, und welchen Beitrag können die Balladen für die Rekonstruktion des spätmittelalterlichen Frömmigkeitslebens – einem noch lange nicht befriedigend erforschten Feld – leisten? Dies sind einige der Probleme, zu deren Lösung das Projekt beitragen möchte.

 

Was ist eine Ballade?

Da die Ballade Gegenstand verschiedener Fächer wie etwa der Literatur- und der Musikwissenschaft, der europäischen Ethnologie oder auch der Geschichtswissenschaft ist, und alle diese Fächer ihre spezifischen Perspektiven auf diese Überlieferung entwickelt haben, ist eine allgemein anerkannte Definition kaum zu finden. Hinzu kommt, dass man teils recht unterschiedliche Texte unter dem Gattungsbegriff zu subsummieren pflegt. Der schwedische Musikethnologe Bengt R. Jonsson definiert die nordische Ballade als ein „in einer begrenzten Anzahl von Strophenformen aufgebautes und durch spezielle Stilzüge ausgezeichnetes erzählendes Lied, das genremäßig mittelalterlichen Ursprungs ist.“ (Svensk balladtradition, 1967, S. 1). Formal ist sie gekennzeichnet durch Strophenbildung sowie durch das Reimschema. Im Wesentlichen kommen drei Strophenformen vor: die zweizeilige Strophe mit Schlusskehrreim, die zweizeilige Strophe mit Zwischen- und Schlusskehrreim sowie die vierzeilige Strophe mit Schlusskehrreim. Die Verse weisen einen Schlussreim auf, wobei in den vierzeiligen Strophen gewöhnlich nur die zweite und vierte Zeile reimen. Anstelle des Reims kann auch eine Assonanz stehen (Jonsson 1967, 1 f.); im Lauf der Jahrhunderte haben manche Strophen ihren Reim verloren, beispielsweise durch den Austausch nicht mehr verstandener Begriffe. Von ihrer narrativen Ausformung her ist die Ballade im Allgemeinen gekennzeichnet durch ihre Formelhaftigkeit, die schablonenhafte Personendarstellung, die Tendenz zum Repetitiven, die einzelne Wörter ebenso betreffen kann wie ganze Verse oder Strophen, durch die 'epische Objektivität' sowie durch das Vorherrschen des Dialogs, aus dem einige Balladen sogar zur Gänze bestehen

 

Wovon handeln die nordischen Balladen?

Holger Dansk och Burman Floda 1480er

Die nordischen Balladen umfassen einen weiten Themenkreis; daher hat man sie in Untergruppen unterteilt, die im Wesentlichen auf die epochale Ausgabe der dänischen Balladen von Svend Grundtvig, Danmarks gamle Folkevise (1853-1976) zurückgehen. Nach demselben Prinzip ist auch der deskriptive Katalog The Types oft he Scandinavian Medieval Ballad (ed. Bengt R. Jonsson u. a., 1978) geordnet.

Die historische Ballade reflektiert Ereignisse des Mittelalters in Kontinentalskandinavien; das früheste ist die Ermordung des dänischen Königs Erik Emune 1137 in Schleswig, das jüngste die Befreiung Schwedens von der dänischen Oberherrschaft durch König Gustav Vasa zu Beginn der 1520er Jahre. Die legendarische oder Heiligenballade handelt von Jesus und von der Jungfrau Maria, von international verbreiteten und lokalen Heiligen sowie von Mirakeln und Visionen. Die Ritterballade verhandelt in höfischer Perspektive Liebesmotive aller Art, darunter auch Inzest (meist zwischen Geschwistern) und verschiedenste „crimes of passion“. Die Balladen, die den Helden im tragischen Widerspruch zwischen der wahren Liebe zu seiner ‚Frille’ und der aus dynastischen und ökonomischen Zwängen heraus eingefädelten ‚Vernunftehe’ zeigen, spiegeln feudale Realitäten wider. Auch die naturmythische Ballade spielt vor höfischem Hintergrund, jedoch treten hier übernatürliche Wesen wie Wassermänner, Trolle und Elfen auf; ferner kommen in dieser Gruppe auch Totenerweckungen und magische Verwandlungen vor. Die Heldenballade, die besonders viele Interferenzen zur altwestnordischen Prosaliteratur aufweist, erzählt von strahlenden Recken, die sich – meist im Zweikampf – gegen riesenhafte oder sonst monströse Gegner durchsetzen, während die erst in jüngerer Zeit näher erforschte große Gruppe der Schwankballaden menschliche Schwächen und Laster wie Trunksucht oder Dummheit aufs Korn nimmt und sich besonders gern ehelicher Konflikte annimmt; bei einer Reihe von Schwankballaden sind die Protagonisten auch Tiere.

 

 

Ziele des Projekts

Ausgehend von den Heiligenballaden und den naturmythischen Balladen sowie deren Parallelen in der spätgotischen Sakralkunst sollen Beiträge zur Rekonstruktion verschiedener spätmittelalterlicher Frömmigkeitskontexte geleistet werden. Im Einzelnen werden folgende Ziele anvisiert:

  • Die religiösen Motive und Strukturen der naturmythischen Ballade sollen zunächst  gesichtet und katalogisiert werden. Die anschließende Analyse dieser ‚katholischen‘ Elemente soll Rückschlüsse erlauben auf spezifische Formen von Religiosität im vorreformatorischen Skandinavien, aber auch auf anthropologische Konstanten im mittelalterlichen Norden.

 

  • Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten soll in Zusammenarbeit mit den Kollegen des Münchener Projekts Balladenwelten. Untersuchungen zur transmedialen Rezeption der mittelalterlichen Balladen in der skandinavischen Moderne die Balladenbibliographie von Otto Holzapfel, die 1975 endet, online fortgeführt werden. Ferner soll die Literatur zur spätmittelalterlichen Frömmigkeit im Norden mittels einer Datenbank gesammelt werden.

 

  • Die Legendenballaden sollen motiv- und traditionsgeschichtlich verortet werden. Im Anschluss daran sollen die Balladen allgemein im Kontext spätmittelalterlicher Erbauungsliteratur, etwa des Seelentrost und der Mirakel, bezüglich ihrer ideologischen und ethischen Sinnstrukturen als Ausdruck laikaler Religiosität analysiert werden.

 

  • Ein in der einschlägigen skandinavistischen Forschung bislang kaum berücksichtigter Aspekt scheint von erheblicher Bedeutung für das Verständnis besonders der Legendenballade im Ensemble der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsmedien zu sein, nämlich die Einstellung der Kirche gegenüber laikalen Spielen und Tänzen: Angesichts der landläufigen Vorstellung von der Feindseligkeit der Kirche gegenüber solchen Ausprägungen der Volkskultur stellt sich die Frage, wie es zur Entstehung der Heiligenballade überhaupt kommen konnte. Die Thematik des Tanzes ist ein zentrales selbstreferentielles Motiv in der Ballade, das erstmals vor dem Hintergrund der zeitgenössischen tanzkritischen Literatur verhandelt werden soll. In diesem Zusammenhang sind auch die Färöer als Referenzkultur von Interesse, machen hier doch Balladen-Kettentänze noch immer einen wichtigen Bestandteil der Volkskultur aus.

 Dansen kring guldkalven Täby 1480er

 

  • Die Altnordistik hat sich traditionell mit Text-Bild-Relationen eher in einer diachronen Perspektive auseinandergesetzt, indem sie der schriftlichen Überlieferung vorausgehende frühmittelalterliche Bilddenkmäler in überlieferungsgeschichtlichen Zusammenhängen betrachtete; die für die Erschließung spätmittelalterlicher Kulturkontexte so bedeutsame Medium der Kalkmalerei ist in unserem Fach bis zum heutigen Tag praktisch unbeachtet geblieben. Eine im Rahmen dieses Projekts entstehende Dissertation stellt den ersten größer angelegten Versuch dar, die Bildkunst des späten 13. bis frühen 16. Jahrhunderts in die Analyse volkssprachlicher, insbesondere balladesker Literaturtraditionen einzubeziehen. Ein nicht unwesentlicher Aspekt des Vorhabens besteht mithin darin, die Fruchtbarkeit transmedialer Ansätze in der skandinavistischen Spätmittelalterforschung zu demonstrieren und aufzuzeigen, dass über die Identifikation von Motiven hinaus ikonographische und literarische Sinnstrukturen sich gegenseitig erhellen können.

 

  • Ein weiterer intermedialer Aspekt des Projekts umfasst die Referenzen, die sich in den Balladen auf Bildnisse von Heiligen sowie andere Gegenstände des christlichen Kults wie auch verbotener Praktiken (Runenmagie) finden lassen, und deren Vergleich mit anderen Überlieferungen wichtige Rückschlüsse nicht nur auf die spätmittelalterliche Frömmigkeitskultur, sondern auch auf Überlieferungsprozesse in einer semi-oralen Gesellschaft zulassen.

 

  • Ebenso soll die mythische Fauna und Flora der Ballade insbesondere im Vergleich mit der entsprechenden Motivik in den Kalkmalereien in einem anthropologischen Horizont diskutiert werden; hierbei müssen natürlich auch die entsprechenden europäischen Traditionen berücksichtigt werden.