Dissertationsprojekt

Wandel und Konstanz der Funktionalisierung Olavs des Heiligen in der altwestnordischen Überlieferung – eine gattungs- und epochenübergreifende Betrachtung

In meiner Dissertation geht es um die Darstellung Olavs des Heiligen in ausgewählten Quellen der altwestnordischen Literatur. Olav der Heilige, der 1030 als König Olav Haraldsson in der Schlacht von Stiklestad fiel und nur ein Jahr später aufgrund von Wunderheilungen und Mirakeln als Heiliger angesehen und als Nationalheiliger verehrt wurde, ist zu einem skandinavischen, vorerst norwegischen, Symbol geworden. Die Symbolträchtigkeit um Olav den Heiligen durchläuft unterschiedliche Phasen über mehrere Epochen, sie reicht vom Ende der Wikingerzeit bis in die Neuzeit hinein. Norwegen, sowohl auf der Ebene des Königtums wie auch auf Ebene der Kirche, nutzte das Symbol des heiligen, christlichen Herrschers, um Anknüpfung an den christlich geprägten, europäischen Kontinent zu erreichen und um einen Unabhängigkeitsstatus den anderen skandinavischen Ländern gegenüber zu erlangen. Die Frage, zu der man immer wieder gelangt, ist die, wie ein skandinavischer König, der alle Ideale der Wikingerzeit verkörperte zu einem Heiligen werden konnte, dessen Verehrung sich von Trondheim bis nach Jerusalem, von der Wikingerzeit bis in die Neuzeit erstreckte und sich auf nahezu allen Ebenen vollzog. Dieser Frage soll auf Grundlage der altwestnordischen Quellen nachgegangen werden- wie stellen die jeweiligen Textüberlieferungen Olav dar? Sind Unterschiede, die sich durch Zeit und Gattung erklären lassen, erkennbar? Sind gewisse Symbolinhalte Olavs abhängig von der einzelnen Quelle? Welche Funktionen werden Olav für das Christentum, für die royale Dynastie, für Norwegen zugeschrieben? Wurden die jeweiligen Funktionen, die Olav für den Einzelnen und für die Gesellschaft und Glaubensgemeinschaft einnahm, von den Quellen gezeichnet und auf diese Weise verbreitet? Wie hat sich die vernakulare Literatur mit dem Phänomen Olav befasst, es beeinflusst, es womöglich erst geschaffen? Mehr...

Die Konzentration liegt auf den altwestnordischen Quellen und vor allem die lateinischen Texte werden lediglich als Referenztexte zu betrachten sein. Dieses Kriterium ist zum einen darin begründet, dass diesen Texten mein Hauptinteresse gilt und zum anderen darin, dass die altwestnordischen Überlieferungen abzugrenzen sind von den anderen Texten. Zudem ist 2014 eine ausführliche Arbeit über die lateinischen Quellen zu Olav dem Heiligen von Lenka Jiroušková erschienen (siehe Jiroušková 2014: Der heilige Wikingerkönig Olav Haraldson und sein hagiographisches Dossier: Text und Kontext der Passio Olavi (mit kritischer Edition), Leiden). Ich habe mich aus diesen Gründen dazu entschieden mich ausschließlich den einheimischen, skandinavischen, altwestnordischen Quellen zu widmen und die lateinischen Quellen nur zu Vergleichszwecken oder zur Emphasis hinzuzuziehen.

Da für den Prozess und der Entwicklung der Verehrung besonders die ersten schriftlichen Zeugnisse von Bedeutung sind, definieren die ersten Skaldengedichte, die nur wenige Jahre nach Olavs Tod entstanden sind, den Beginn des Untersuchungszeitraumes. Die Skaldik stellt nicht nur die früheste literarische Bearbeitung der Olavsthematik dar, sondern sie ist auch ein eigenes altnordisches Genre und daher auch aufgrund dessen literaturhistorisch von Bedeutung und Interesse und müssen daher auch Teil meiner Untersuchung sein.

Die Skaldik ist eine besondere Gattung innerhalb der altwestnordischen Dichtung und wurde ab dem 9. Jahrhundert bis zur frühen Neuzeit situationsgebunden verwendet und durchläuft aufgrund der langen Nutzungszeit einige Veränderungen, sowohl auf thematischer wie auch auf metrischer und stilistischer Ebene. Ich habe mich aus den oben genannten Gründen dazu entschieden folgende Skaldengedichte zu berücksichtigen: die Ólafsflokkr von Bersi Skáldtorfuson von ca. 1020, also noch zu Lebzeiten Olavs verfasst und somit ein gattungstypischer Fürstenpreis, der vor allem die damals herrschenden Ideale der Wikingerzeit in Bezug auf Olav als König und Wikinger hervorhebt. Die Glælognskviða von Þórarinn loftunga ist das erste posthume literarische Werk, das sich mit Olav dem Heiligen befasst, es wird in den Zeitraum 1032-35 datiert und soll anlässlich der Elevatio Olavs gedichtet worden sein. In diesen Strophen lassen sich die ersten Symbole, die Olavs Heiligkeit zeigen und beweisen sollen, deutlich herauslesen. Sighvatr Þórðarsons Erfidrápa Óláfs helga ist ca. zehn Jahre später entstanden und als Erfidrápa ein Gedicht, das dem verstorbenen König und Heiligen zu Ehren gedichtet worden ist. Auch Sighvatr bedient sich einigen allgemein gültigen Bildern, und weist so bereits Parallelen zur Gattung der Heiligenlegenden auf, was in der Arbeit analysiert und erörtert wird. Das letzte Werk diesen Genres ist das Gedicht Geisli, das Einarr Skúlason 1153 anlässlich der Feier zur Erhebung Trondheims zum Erzbistum Norwegens verfasst hat. Geisli ist über 100 Jahre nach Olavs Tod gedichtet worden und ist den zeitgenössischen Dichtern somit deutlich ferner. Darüber hinaus liegt dem ein offizielles Ereignis von nationaler Bedeutung zugrunde. Wie lässt sich das in der Stilistik, Rhetorik und Wortwahl des Gedichtes festmachen? Wird Olav in diesen Überlieferungen, die zwar alle der gleichen Gattung angehören, jedoch zeitlich und situationsmäßig variieren, auf unterschiedliche Weise dargestellt, übernimmt er innerhalb der Skaldik ähnliche oder voneinander abweichende Funktionen? Dieser und weiteren damit verbundenen Fragen wird in der Arbeit nachgegangen.

Die Sagas, die der Analyse zugrunde liegen, sind drei verschiedene Olafssagas: die in Norwegen verfasste Legendarischen Olavssaga, die von dem isländischen Dichter und Historiker Snorri Sturluson verfasste Ólafs saga hins helga und letztendlich die Ólafs saga hins helga hin mesta aus der Flateyjarbók, einer isländischen Handschrift aus dem 14. Jahrhundert. Diese Auswahl begründet sich auf die unterschiedlichen Einflüsse, Rezeption verlorener Sagas und den unterschiedlichen Zeiten und Umgebungen in denen sie entstanden sind. Die Legendarische Olavssaga stammt im Gegensatz zu den anderen beiden, die in Island verfasst wurden, aus Norwegen und ist nur in einer Handschrift, die in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert, überliefert. Diese Saga weicht sowohl stilistisch als auch inhaltlich stark von den anderen beiden ab, da sie die Vita verarbeitet hat. Die Ólafs saga hins helga von Snorri Sturluson habe ich ausgewählt, da sie zum einen die bekannteste der Olavssagas ist und daher in vielen Handschriften überliefert worden ist und zum anderen da Snorri Sturluson als einer der bedeutendsten altnordischen Verfasser anzusehen ist. Das interessante an dieser Saga ist, dass sie deutlich macht, inwiefern Snorri als Verfasser das Ziel verfolgt als Historiker ein möglichst genaues Bild von Olav und dessen Leben zu zeichnen, gleichzeitig ist Snorri selbst Christ gewesen und dies wird vor allem im letzten Teil der Saga erkennbar. Zudem befindet sich am Ende noch eine ausführliche Mirakelsammlung, die bei einer Vita, jedoch nicht bei einer Königssaga zu erwarten wäre. Die Ólafs saga hins helga hin mesta hinzuzunehmen, begründet sich darauf, dass diese eine Kompilation aus verschiedenen älteren Texten darstellt und mit einer Datierung ins 14. Jahrhundert die jüngste Saga über Olav den Heiligen ist.

Man kann sich Olav dem Heiligen in der literarischen Überlieferung nicht widmen, ohne sich mit der historischen Situation Skandinaviens, insbesondere der Norwegens, zu der damaligen Zeit zu befassen. Die politischen und dynastischen Umstände waren in Norwegen seit dem frühen Mittelalter stets instabil, so war Norwegen nahezu nie ein geeintes, von einem Herrscher regiertes Reich, sondern stand häufig unter Fremdherrschaft und viele Fehden um den Thron schwächten die innere wie äußere Struktur des Landes. Die Herrschaft Olavs des Heiligen stellt sowohl dynastisch als auch politisch einen Einschnitt in der norwegischen Geschichte dar, auch wenn häufig der Schwerpunkt auf die religiöse Bedeutung seiner Herrschaft gelegt wird. Zweifellos lässt sich Norwegen erst nach dem Tod Olavs als christliches Reich klassifizieren, dennoch haben bereits Könige vor ihm, im Besonderen Olav Tryggvason, aber vor allem Olavs Nachfolger, Magnús der Gute, das Christentum und den damit verbundenen Institutionen im Land gefestigt. Die historischen Gegebenheiten sowie die Christianisierungsprozesse in Skandinavien können nicht außen vorgelassen werden, wenn man sich mit Olav dem Heiligen befasst. So habe ich mich im Laufe der Recherche auch mit Titeln aus der Geschichts- und Politikwissenschaft, der Religions- und Kulturwissenschaft und der Theologie beschäftigt. Eine interdisziplinäre Betrachtung bleibt bei einem derartigen Untersuchungsgegenstand nicht aus, der methodische Schwerpunkt liegt jedoch selbstverständlich im Bereich der skandinavistischen Mediävistik und Literaturwissenschaft.